Wer wird Merkels Nachfolger — Hahnenkampf in Corona-Zeiten

In der Coronakrise läuft Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Hochform auf. Die deutsche Regierungschefin ist auf allen Nachrichtenkanälen präsent, erläutert den Bürgern notwendige Quarantänemassnahmen und warnt vor all zu schnellen Lockerungen. Als Krisenlotsin kommt Merkel laut Umfragen gut an: Mit 64 Prozent Zustimmung erzielte sie im jüngsten ARD-Deutschlandtrend den bisher höchsten Wert in dieser Legislaturperiode.

Von Klaus Blume, dpa


Mit ihr schwebt die deutsche Christdemokratie im Umfragehoch. Wenn jetzt gewählt würde, kämen Merkels CDU und die nur in Bayern antretende Schwesterpartei CSU zusammen auf 37 bis 39 Prozent - weit mehr als bei der Bundestagswahl 2017 (32,9 Prozent). Die nächste nationale Wahl steht im September 2021 an. Merkel, die seit bald 15 Jahren regiert, will dann nicht mehr antreten. Die Frage ihrer Nachfolge wird auch zu Coronazeiten in Deutschland heiss diskutiert.


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Eine mögliche Vorentscheidung wurde erst einmal vertagt, ein für den 25. April angesetzter CDU-Sonderparteitag auf unbestimmte Zeit verschoben. Dort sollte der Nachfolger von Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer gewählt werden. Diese hatte nach anhaltender interner Kritik an ihrer Amtsführung angekündigt, nicht mehr als Parteivorsitzende und Kanzlerkandidatin zur Verfügung zu stehen.


Um den Posten haben sich drei CDU-Männer beworben, der prominenteste unter ihnen ist Nordrhein-Westfalen Ministerpräsident Armin Laschet. Der neue CDU-Chef würde wahrscheinlich auch Kanzlerkandidat. Sicher ist das aber nicht, denn beim gemeinsamen Spitzenkandidaten von CDU und CSU haben auch die Bayern ein Wort mitzureden. Und so wird in den Medien auch der bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef Markus Söder als möglicher Kanzlerkandidat gehandelt.

Laschet (59) und Söder (53) regieren die beiden bevölkerungsreichsten Bundesländer. Bayern ist, vermutlich wegen seiner Nähe zu Österreich und Italien, mit knapp 300 Infektionen pro 100 000 Einwohner das am stärksten von der Coronapandemie betroffene Bundesland. Bis Mittwoch gab es 1424 Todesfälle. Entsprechend machte sich Söder bei der Coronabekämpfung als Hardliner einen Namen, brachte früher als anderswo Schulschliessungen und Ausgangsbeschränkungen auf den Weg und beeinflusste damit auch die deutschlandweite Debatte.


Der britische "Economist" bezeichnete ihn als "Deutschlands de-facto-Coronachef". Laschet hingegen zählt zu den Politikern, die eher für Lockerungen und baldige Schulöffnungen plädieren. So sehen viele ein Fernduell zwischen Söder und Laschet um die Kanzlerkandidatur im Gange. Bei den Sozialdemokraten, die mit CDU und CSU in einer schwarz-roten Koalition regieren, kommt das nicht gut an. SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil warf den beiden Profilierungsversuche in der Corona-Krise vor.


"Das wirkt manchmal wie ein Hahnenkampf um das Merkel-Erbe, bei dem sich die Beteiligten gegenseitig belauern und zwanghaft versuchen, schneller zu sein als der andere", sagte Klingbeil in einem Zeitungsinterview. Der "Wettbewerb zwischen München und Düsseldorf" laufe aus dem Ruder.

Laschet weist solche Vorwürfe zurück. "Wir liefern uns kein Duell, das wäre auch angesichts der Lage völlig unangemessen", sagte er in einem Interview des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel". Er kenne niemanden, der derzeit ernsthaft über Kanzlerkandidaturen nachdenke, fügte er hinzu. Söder seinerseits wies eigene Ambitionen auf das höchste Regierungsamt zurück. "Die Frage, wie es im nächsten Jahr weitergeht, spielt überhaupt keine Rolle für mich", sagte er in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur.

Der neue CDU-Chef wird vermutlich erst beim regulären Bundesparteitag im Dezember gewählt. Laschets Mitbewerber, der frühere Fraktionschef Friedrich Merz und der CDU-Aussenpolitiker Norbert Röttgen, haben es derzeit schwer, öffentliche Aufmerksamkeit zu finden, denn in Krisenzeiten schlägt die Stunde der Exekutive.

Die Kanzlerkandidatur dürfte Anfang 2021 entschieden werden. Söder hatte schon im Februar bekräftigt, dass die CSU dabei ein Wort mitzureden habe, aber auch versichert, dass sein Platz in Bayern sei. In nationalen Umfragen liegt der aus Nürnberg stammende Franke deutlich vor Laschet oder Merz. Unter den CDU-Granden hat Saarlands Ministerpräsident Tobias Hans den CSU-Chef als "natürlichen Aspiranten" bezeichnet.

In den 71 Jahren der Bundesrepublik Deutschland hat die CDU 51 Jahre lang den Kanzler oder die Kanzlerin gestellt. Zweimal - zu Oppositionszeiten - trat ein CSU-Mann als Kanzlerkandidat an. Beide Male - mit Franz Josef Strauss 1980 und Edmund Stoiber 2002 - verlor die CDU/CSU die Bundestagswahl.


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